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Gendern oder nicht – wie wichtig ist geschlechtergerechte Sprache?

Das Gendersternchen hat es in die Top 10 der Wörter des Jahres 2020 geschafft. Friedrich Merz warnte im Frühjahr vor „Genderwahn“, die deutschen Nachrichtenagenturen haben sich hingegen jüngst auf eine gemeinsame Linie für einen „diskriminierungssensibleren“ Sprachgebrauch verständigt. Die Mehrheit der Älteren findet das Gendern nicht wichtig oder ist sogar dagegen, bei den unter 30-Jährigen hat das Thema einen höheren Stellenwert. Fast alle sind mittlerweile genervt. Konflikt klar?

Gendern: Warum geschlechtergerechte Sprache wichtig ist.

Geschlechtergerechte Sprache ist für immer mehr Unternehmen wichtig. (Foto: © studio v-zwoelf / Adobe Stock)

Und nun auch noch mein generisches Maskulinum

Es ist nicht leicht. Der Mann aus dem Abendland fürchtet sich derzeit vor mehr Fahrradwegen, teureren Kurzstreckenflügen, vor Veganer:innenund seit Neuestem vor der „Genderpolizei“. Diese will ihm nämlich sein generisches Maskulinum wegnehmen und eine gendergerechte Sprache aufzwingen. Zur Erinnerung: Generisches Maskulinum heißt: Bei männlichen Berufs- oder Personenbezeichnungen wie Deutscher, Polizist oder Lehrer sind Frauen stets mitgemeint, nach dem Motto: Das Männliche ist das Allgemeine.

Und diese Tradition soll nun abgeschafft werden – für manche ein barbarischer Akt der Zerstörung von Sprachkultur. Die Angst ist so groß, dass von manchen Politikern bereits ein Verbot gendergerechter Sprache gefordert wird. Leuchtet ein: Wenn ich verbiete, wovor ich mich fürchte, kann ich die Veränderung aufhalten.

Die Sprache ist der Spiegel der Gesellschaft

Unsere Sprache verändert sich kontinuierlich, das war schon immer so. Doch beim Thema geschlechtergerechte Sprache geht es eben nicht nur um Sprache, sondern auch um Geschlechtergerechtigkeit. Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen untereinander und im Verhältnis zur gesetzgebenden Gewalt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Der Satz „Frauen und Männer sind gleichberechtigt“ hätte es noch vor rund 75 Jahren beinahe nicht in unser Grundgesetz geschafft. Die verbreitete Angst damals – und zwar bei Männern und Frauen: Dieser Satz könnte Familienstrukturen zerstören.

Dass Frauen sich selbst für einen Beruf entscheiden dürfen, gilt in der Bundesrepublik seit weniger als 50 Jahren. Am 1. Juli 1977 trat der § 1356 BGB in Kraft, der das sogenannte paritätische Ehemodell beschreibt, in dem beide Ehegatten berechtigt sind, berufstätig zu sein. Konkret bedeutet das: Die Berufstätigkeit der Ehefrau ist nicht mehr gebunden an die Zustimmung ihres Ehemannes.

Nun soll dieser Beitrag keine Geschichtsstunde werden. Er soll vielmehr zeigen, dass sich die Gesellschaft und die Wirtschaft in den letzten 50 Jahren so massiv verändert haben, dass Veränderungen in der Sprache aufgrund eines veränderten Adressatenkreises unumgänglich sind. Und das gilt vor allem für die Unternehmenssprache: Frauen und Männer treffen Kaufentscheidungen für Waschmittel und Autos und beide Geschlechter sollen mit Stellenanzeigen und Employer Branding erreicht werden.

Der Duden setzt auf geschlechtergerechte Sprache

Empörung auf der einen und Lob auf der anderen Seite erhielt kürzlich der Online-Duden. Die Gründe:

  1. Weibliche Berufsbezeichnungen erhalten eigene Einträge. Eine Lehrerin ist nun also eine weibliche Person, die an einer Schule unterrichtet.
  2. Der Schriftsteller ist künftig nicht mehr „jemand, der literarische Werke verfasst“, sondern eine männliche Person, die literarische Werke verfasst.

Der Duden empfiehlt das generische Maskulinum also nicht mehr. Das bedeutet nicht, dass es damit auch aus der Sprache verschwindet beziehungsweise verschwinden muss.

Wann und warum wurde das generische Maskulinum zum Problem?

Vor 150 Jahren gab es noch keine Professorinnen, denn Frauen wurden damals in Deutschland noch nicht auf Lehrstühle berufen. Es gab die Bezeichnung Frau Professor – damit war jedoch die Ehefrau des Professors gemeint. Doch als immer mehr Frauen sich Berufsfelder eroberten, die bis dato nur Männern offen gestanden hatten, als Frauen selbst Steuern zahlten, kam es zu Herausforderungen.

Ob auf dem Personalausweis („Der Inhaber dieses Passes ist Deutscher“), im Arbeitsvertrag („Frau Müller wird als Leiter der Abteilung X angestellt“) oder auf der Steuererklärung („Steuerzahler + Ehefrau“) – das generische Maskulinum führte in einer Welt, in der Frauen Arbeitsverträge schließen und Steuern zahlen, zu sprachlichen Entgleisungen.

„In anderen Sprachen gibt es das auch nicht …“

Vielfach wird in der Debatte auf den englischsprachigen Raum oder Skandinavien verwiesen: Dort habe man diese „Probleme“ nicht. Abgesehen davon, dass der Verweis keine Lösung darstellt, ist er auch nicht korrekt.

Ist ein Wort wirklich neutral, steht es gleichberechtigt für die männliche und weibliche Form. So kann ich nach dem Wort „teacher“ mit „she“ oder „he“ fortfahren. Im Deutschen haben wir aber keine entsprechenden neutralen Personenbezeichnungen. Sätze wie „Ich habe einen Lehrer. Sie ist sehr klug.“ sind schlicht nicht korrekt.

Gendern ist nicht gleich gendern

Bei der ganzen Aufregung um geschlechtergerechte Sprache gerät schnell aus dem Fokus, dass die Debatte von zwei sprachkritischen Bewegungen mit unterschiedlichen Zielen angestoßen wurde.

Die erste Bewegung entstand in den Siebzigerjahren: Die feministische Linguistik, welche die mit Gewohnheitsrecht und Einfachheit begründete, männlich dominierte Sprache hinterfragt.

Die zweite Bewegung entspringt vor allem der Queer-Community und möchte die binäre Geschlechterordnung in der Sprache abschaffen.

Geschlechterneutrale Sprache im Unternehmen etablieren?

Viele Unternehmen sind aktuell mit der Herausforderung konfrontiert, ihre Corporate Language neu auszurichten oder grundsätzlich neu zu finden. Die pandemiebefeuerte Verlagerung des Customer-Dialogs von offline zu online, der Kampf um Talente am Arbeitsmarkt und weitere Faktoren verlangen den Kommunikationsabteilungen mehr und mehr ab. Immer wieder werden wir von Unternehmen gefragt, wie sie ihre Zielgruppen künftig ansprechen sollen.

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten zu gendern. Egal welche Variante gewählt wird – Konsistenz bei der Umsetzung ist das A und O. Es gilt also, möglichst alle Mitarbeitenden im Unternehmen mit ins Boot zu holen, damit alle kommunizierenden Abteilungen eine Sprache sprechen. Aber welche Sprache soll es eigentlich sein?

Differenzierung Femininum und Maskulinum

Die deutsche Grammatik differenziert zwischen Femininum und Maskulinum. Sichtbar wird diese Unterscheidung durch den Artikel und die Endsilbe. Eine naheliegende Lösung ist es also, männliche und weibliche Formen zu verwenden, sofern von Männern und Frauen die Rede ist.

Beispiel: Lehrerinnen und Lehrer

Jahrzehntelang wurde bei neun weiblichen Lehrkräften von Lehrerinnen gesprochen. Kam eine männliche Lehrkraft hinzu, waren es zehn Lehrer. Würde der kleine Lukas jedoch heute im Aufsatz schreiben: „Mein Lehrer heißt Frau Schulz“, würde er dafür höchstwahrscheinlich einen Fehler angestrichen bekommen.

Von Lehrerinnen und Lehrern zu sprechen beziehungsweise zu schreiben, ist also sinnvoll. Die Doppelnennung ist die grammatikalisch unumstrittene Regelung. Doch auch hier gibt es Kritik: Zu umständlich und zu lang, nicht gut für die Content-Experience.

Gendergerechte Schreibweisen im Überblick

Wer die Doppelnennung nicht benutzen möchte, kann auf verschiedene Alternativen zurückgreifen. Mittlerweile wurden zahlreiche gendergerechte Schreibweisen entwickelt, hier die gängigsten Beispiele:

Variante Anwendung Anmerkungen
Splitting Der/die Mitarbeiter/in
  • Vermeidet lange Sätze.
  • Weibliche Form hängt dem männlichen „Normalfall“ an.
  • Repräsentiert nur Frauen und Männer.
Binnen-I Der bzw. die MitarbeiterIn
  • Vermeidet die Doppelform.
  • Repräsentiert nur Frauen und Männer.
Gender Gap Der_die Mitarbeiter_in
  • Soll einen Raum für alle schaffen, die sich in einem zweigeschlechtlichen System nicht verorten können oder wollen.
  • Wörter werden optisch auseinandergezogen, was die Lesbarkeit erschweren kann.
Genderstern Der*die Mitarbeiter*in
  • Aus der Computersprache abgeleitet, wo der Stern für eine beliebige Kombination von Buchstaben steht.
  • Soll nicht als Leerraum, sondern als Bindeglied fungieren.
Gender-Doppelpunkt Mitarbeiter:innen
  • Trennt das Wort optisch weniger.
  • Gilt als inklusiver, da er von Sprachausgabeprogrammen am besten wiedergegeben werden kann.

 

Gendern als Unternehmen ist eine Frage der Positionierung

Wir empfehlen je nach Zielgruppe:

  1. Die Doppelnennung der weiblichen und männlichen Form.
  2. Den Gender-Doppelpunkt, der unterschiedliche Geschlechtsidentitäten inkludiert.

Für beiden Varianten empfehlen wir zudem ergänzend die Nutzung von:

  • substantivierten Partizipien im Plural (die Mitarbeitenden)
  • Funktionsbeschreibungen (Aufsichtsratsmitglied, Head of)
  • neutralen Formulierungen (Elternteil).

Wer diese Möglichkeiten zum Gendern nutzt, ist gut aufgestellt: Die Inhalte werden inklusiv und abwechslungsreich dargestellt, der Lesefluss verbessert sich und variantenreiche Formulierungen werden gefördert.

Übrigens: In puncto SEO gibt es beim Gendern einiges zu beachten. Der Frage, wie sich geschlechtergerechte Sprache und gute Rankings vereinbaren lassen, gehen wir im nächsten Beitrag des textbest Magazins auf den Grund!

Die Sprache folgt der Gesellschaft

Auf Behördenebene oder im Unternehmen können Mitarbeiter:innen dazu angehalten werden, im Schriftverkehr geschlechtergerecht zu formulieren. Für unsere Sprache im Alltag gibt es jedoch keine Regulierung – davor warnen höchstens einige um unsere Sprachkultur Besorgte im Wahlkampfjahr. Das sind übrigens oft diejenigen, die auch in anderen Debatten gerne den Untergang des Abendlandes prophezeien.

Sprache wird in der Gesellschaft verhandelt und von ihr geprägt. Du willst keinen Genderstern mit Knacklaut beim Bier in der Kneipe verwenden? Musst du nicht.

In vielen weiterführenden Schulen und Universitäten ist das generische Maskulinum längst kein Thema mehr. Und das ist gut so. Die Debatte über das Gendern wird sich also mit der Zeit von selbst regeln – denn die Sprache folgt der Gesellschaft, nicht umgekehrt.

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