Agenturleben

„Die soziale Komponente kommt bei unseren Kunden gut an.“

In unserem neuen Interview-Format erwartet dich jeden Monat ein neuer Talk mit einer erfolgreichen Frau. Den Auftakt macht Ruth Hardegger-Wickli, Gründerin und Geschäftsführerin der Schweizer Agentur etextera, die Text, Grafik und Webdesign anbietet. Das besondere an etextera: Die Agentur beschäftigt ausschließlich Frauen, die mehrheitlich im Homeoffice arbeiten.

Ruth Hardegger-Wickli von etextera

Ruth Hardegger-Wickli ist Agenturchefin und Texterin

Deliana: Wann hast du gegründet und was macht etextera heute? Erzähl uns deine Gründungsgeschichte!

Ruth: Uns gibt es seit 10 Jahren. Wir haben damals mit Text angefangen, seit Anfang des Jahres bieten wir auch Grafik und Webdesign an.

Die Gründung war eine Idee meines Mannes und hat sehr viel mit unserer eigenen Geschichte zu tun. Wir arbeiten ja nur mit Damen zusammen, und zwar aus dem Grund, dass es für viele Frauen schwierig ist, Job und Familie unter einen Hut zu bringen, vor allem für gut ausgebildete Frauen. Und so war es auch bei uns. Unsere Kinder waren damals noch relativ klein und wir haben einfach gesehen, wenn du angestellt bist, lässt sich das kaum vereinbaren. Ich musste ins Büro jeden Tag, d. h. wir hatten immer den Hick-Hack mit der Betreuung und wenn dann mal ein Kind krank war, dann ist das ganze Kartenhaus zusammengefallen. Und es war auch klar, es gibt ganz viele andere Frauen, denen es genauso geht.

Wenn ich bei Aldi arbeiten und Regale auffüllen würde, dann wäre das kein Problem, da könnte ich 20 % arbeiten. Aber wenn du einen anspruchsvollen Job willst, dann geht das nur mit einem grossen Zeitpensum. Deshalb gibt es auf dem Markt viele Freelancerinnen, die sich genau aus diesem Grund selbstständig gemacht haben. Und denen wollten wir einen guten Job bieten. Wir beschäftigen ausschließlich Frauen – diese soziale Komponente unseres Geschäfts kommt auch bei unseren Kunden gut an.

Deliana: Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich habe auch zwei Kinder und bin der Meinung, dass sich Karriere und Familie in einer Festanstellung nicht verknüpfen lassen.

Ruth: Als ich schwanger war mit dem ersten Kind, dann hat es im Geschäft noch geheißen: Ja, kein Problem, wir suchen eine Lösung. Und ich konnte auch reduzieren. Ich habe dann 70% gearbeitet, auch mit dem zweiten Kind, das ging. Aber sobald du dich verändern willst, ist das extrem schwierig. Du befindest dich dann auch in einem Markt mit vielen anderen Frauen, die Teilzeit in einem anspruchsvollen Job arbeiten wollen, und da war es für mich unmöglich, etwas Passendes zu finden.

Kurz nachdem ich die die Ausbildung zur Redakteurin gemacht hatte, hatte mein Mann die Idee mit etextera und baute eine Website auf. Währenddessen war ich aber in einer befristeten Anstellung. Irgendwann kamen wir an den Punkt: wie weiter? Ich hatte dann das Angebot, dass sie mich fest übernehmen bei dieser Firma. Die Konditionen wären aber viel schlechter gewesen als in der befristeten Anstellung, und da haben wir schlussendlich gesagt: nein, machen wir nicht. Wir versuchen das mit etextera. Mein Mann war damals zu 100 % angestellt, d. h. wir waren abgesichert durch seinen Lohn, und deshalb haben wir das dann ausprobiert.

 

Deliana: Ist dein Mann auch Texter?

Ruth: Er ist auch ausgebildeter Redakteur und hat vorher schon in der Kommunikation gearbeitet. Das war zu Beginn eine Riesenchance. Weil er natürlich sehr viele Leute kannte aus der Branche oder immer noch kennt.

Deliana: Du hast vorher auch auf Unternehmensseite gearbeitet. Das heißt, ihr hattet beide das Netzwerk, um in die Gründung zu starten?

Ruth: Genau.

Deliana: Und wie seid ihr dann an die ersten Kunden rangekommen, hat sich das organisch aus dem Netzwerk ergeben?

Ruth: Zu meinem ersten Kunden bin ich gekommen, ohne, dass ich ihn gesucht habe. Ich habe damals eigentlich noch einen neuen Job gesucht und das war dann so in der Phase, wo wir noch nicht genau wussten, was machen wir. Nehmen wir das Angebot für die Festanstellung an oder mache ich mit etextera weiter? Damals habe ich online eine Stelle gesucht. Da hat mich jemand angerufen, weil er Projekt- und Textunterstützung gesucht hat. Und das wurde dann mein erster Auftrag für etextera. Die ersten Aufträge kamen wirklich ohne, dass wir sie gesucht haben. Auch durch meinen letzten Arbeitgeber habe ich weitere Aufträge bekommen. Mein Mann hat aus seinem Netzwerk Aufträge generieren können. Am Anfang war das Ganze noch klein und wir haben überhaupt nicht akquiriert.

Deliana: Die ersten Aufträge habt ihr wahrscheinlich zu zweit im Homeoffice abgearbeitet, oder?

Ruth: Nein, mein Mann hat nie geschrieben. Er hat mich teilweise unterstützt, wenn es um Projektleitung ging, aber er war in dem Sinne sehr begrenzt operativ tätig.

Deliana: Wann kamen dann erste Freelancerinnen dazu?

Ruth: Sehr schnell. Weil ich gesehen habe, dass immer mehr und mehr Projekte reinkommen und ich nicht mehr die Ruhe und die Zeit zum Schreiben habe. Ich habe auch sehr schnell gesehen, dass es auf dem Markt viele Freelancerinnen gibt, die schneller, effizienter und besser schreiben als ich. Und mir liegt das Koordinieren mehr als das Schreiben. Deshalb habe ich schnell angefangen, Aufträge extern zu vergeben. Heute beschäftigen wir etwa 20 Freelancerinnen, die wir unterschiedlich auslasten.

Deliana: Was würdest du einer Freelancerin raten, die aktuell keine oder nicht genug Aufträge hat?

Ruth: Aktuell ist das natürlich eine außerordentliche Situation. Da hilft nur eins: Reinknien und Klinken putzen. Ich meine, so eine Situation hatten wir noch nie.

Und auch falls ich mich jetzt selbständig machen will, ist das nicht der richtige Zeitpunkt. Ich weiß nicht, wie es bei euch in Deutschland ist. Aber bei uns in der Schweiz gibt es Texterinnen, aber auch Grafikerinnen und Webdesignerinnen, die kaum mehr Aufträge haben. Und ich bin überzeugt: Das überleben nicht alle geschäftlich. In diesem schwierigen Umfeld würde ich mich im Moment nicht selbständig machen. Natürlich hängt das stark von der Branche ab, für die du textest. Einige Branchen wie Gastronomie und Hotellerie sind komplett zusammengebrochen. Natürlich gab es andere Branchen wie z. B. Pharma, wo es extrem viel zu kommunizieren gab. Von daher kommt es darauf an, welche Branchen du abdeckst.

Deliana: Meinst du, eine Umpositionierung bringt jetzt etwas? Zum Beispiel habe ich beobachtet, dass jetzt während COVID-19 mehr IT-Texter sichtbar werden, weil Software jetzt sicherlich eine boomende Branche ist.

Ruth: Ich denke, das ist der Vorteil einer Agentur, wenn sie viele Branchen abdeckt, d. h. unterm Strich läuft immer was. Aber wenn du Freelancerin bist und z. B. nur Tourismus, Hotellerie, Gastronomie abdeckst, dann hast du definitiv ein Problem. Und das mit der Positionierungsstrategie ist natürlich so eine Sache. Wenn ich ein großes Know-how habe als Texterin in Tourismus oder Gastronomie, kann ich nicht morgen plötzlich für IT schreiben.

Deliana: Ihr als Agentur habt keine Themenschwerpunkte. War das eine bewusste Entscheidung?

Ruth: Nein, es läuft andersherum. Als Agentur bekomme ich Anfragen von allen möglichen Firmen. Auf der anderen Seite suche ich meine Texterinnen so aus, dass ich möglichst viele Themen abdecken kann. Und wenn ich eine Anfrage nicht abdecken kann, dann suche ich eine passende Texterin. Das ist natürlich auch ein Vorteil einer Netzwerkagentur. Wir haben eine große Bandbreite, und die Bandbreite ist die Summe des Fachwissens meiner Texterinnen.

Deliana: Als Netzwerkagentur nehmt ihr immer wieder neue Texterinnen auf. Wenn ich für euch arbeiten möchte, was ist der erste Schritt?

Ruth: Es gibt zwei Möglichkeiten. Ich bekomme immer wieder Blindbewerbungen von Frauen. Als erstes schaue ich mir an, welche Ausbildung die Damen haben. Denn ohne Abschluss schreibt bei mir niemand. Ich kriege immer wieder Bewerbungen, in denen drinsteht: «Meine Freunde sagen, ich kann so gut schreiben.» Das reicht vom Niveau her bei Weitem nicht, eine Ausbildung ist Pflicht.

Deliana: Und was passiert, wenn dir die Bewerbung gefällt?

Ruth: Dann schaue ich mir Arbeitsproben an, denn ich möchte zuvor etwas gelesen haben. Denn es gibt auch den Fall, dass die Frauen eine gute Ausbildung haben, aber wenn ich dann die Arbeitsproben lese, merke ich: das passt nicht. Wenn mir die Texte gefallen, dann nehme ich die Frau in den Interessentenpool auf. Ich nehme niemanden auf Vorrat auf. Ich habe immer wieder Anfragen von Leuten, die in einem fixen Pensum für mich arbeiten wollen. Ich selbst bin jedoch zu 100 % abhängig von den Kundenanfragen und Aufträgen – und weiß daher nie, was kommt. Deshalb kann und will ich niemandem fest zusagen. Wenn ich für einen Auftrag niemanden habe, dann schaue ich zuerst in meinem Interessentenpool nach.

Deliana: Und das Projektmanagement machst du komplett allein?

Ruth: Ich, meine Partnerin, die Grafik und Webdesign abdeckt, und noch eine angestellte Mitarbeiterin.

Deliana: Sitzt ihr denn alle im Homeoffice?

Ruth: Ja, wir sind alle im Homeoffice. Wir waren sozusagen vor Corona Avantgarde. Ich wurde gefragt: «Wie haben Sie die Zeit jetzt im Homeoffice erlebt?» Da sagte ich: «Keine Veränderung, ich arbeite schon seit 10 Jahren im Homeoffice.»

Deliana: Du hast mit deinem Mann zusammen gegründet. Wie war das?

Ruth: Bei uns war es so, dass wir uns auf der Arbeit kennengelernt haben. Zu Beginn arbeiteten wir in unterschiedlichen Teams, später im gleichen Team und zum Schluss sogar Pult an Pult. Wir wussten also, worauf wir uns einlassen.

Deliana: Wie werde ich als Selbständige erfolgreich – gibt es da ein Rezept?

Ruth: Das Wichtigste ist, dass du weißt, wovon du redest, also dein Geschäft beherrschst. Und dann ist das Netzwerk natürlich wichtig. Unser Erfolgsrezept sind, denke ich, gute Texte und die persönliche Kundenbetreuung. Mir ist es sehr wichtig, dass der Kunde optimal beraten ist.

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