Manifest gegen kostenlose Probetexte oder warum die Katze nicht im Sack ist

13. November 2014 One Comment

Wenn bei uns eine neue Projektanfrage reinkommt, ist dies eigentlich ein Grund zur Freude. Sollte man meinen. Doch mitunter entpuppen sich solche Anfragen eher als miese Veranstaltung. Zehn kostenlose Probetexte? – Klar, machen wir sofort, gerne auch jeden Tag.

Immer mal wieder erreichen uns Anfragen, in denen um mehrere kostenlose Probetexte gebeten wird. Schließlich könne man sich ja nur so einen Eindruck von der Qualität unserer Arbeit machen und wolle nicht die Katze im Sack kaufen. Das Perfide daran: Einfach nur dreist war gestern. Heute wird das Ganze mit Freundlichkeit verziert und hinter einer Fassade aus vermeintlicher Seriosität verborgen – zumindest zu Beginn. Ein wahres Prachtexemplar flatterte auch diese Woche in unser E-Mail-Postfach. Von den insgesamt fünf in Aussicht gestellten Texten sollten doch ein bis zwei als kostenlose Probetexte vorab erstellt werden. Ist klar! Aber nun mal der Reihe nach.

Fragen kostet ja nichts: Kostenlose Probetexte bitte, aber schnell!

In der ersten E-Mail, die schon verdächtig nach einer Fake-Anfrage roch, wurde ausführlich das Unternehmen beworben und das enorme Interesse an einer langfristigen Zusammenarbeit bekundet. Um die Qualität unserer Arbeit jedoch beurteilen zu können, benötige die zuständige Abteilung ein Angebot bzw. einige Textproben.

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Obwohl wir uns schon ziemlich sicher waren, worauf die ganze Veranstaltung hinauslaufen würde, haben wir uns es nicht nehmen lassen zu antworten. Denn wie heißt es so schön: Im Zweifel für den Angeklagten. Also haben wir einige Textproben zusammengestellt (natürlich alles Referenztexte, die wir bereits verfasst hatten) und ein Angebot geschrieben. In der Antwort-Mail haben wir uns dann auch freundlich für die Anfrage und das durchaus schmeichelhafte Interesse an einer längerfristigen Zusammenarbeit bedankt.
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Die Arbeitsproben seien zwar grundsätzlich ganz gut. In puncto Textprobe zu einem der genannten Texte blieben sie jedoch beharrlich. Und wenn man schon mal dabei ist, kann man ja auch noch etwas Zeitdruck aufbauen. Schließlich habe das zufällig „gerade“ abgehaltene Meeting ergeben, dass der Zeitplan immer enger wird. Ganz plötzlich. So mir nichts, dir nichts wurde die Deadline von Ende Dezember auf den 24. November verschoben. Kann schon mal vorkommen…

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[/box] Nun gut, den Spaß wollten wir uns nicht nehmen lassen. Wir ließen sie also wissen, dass wir den Auftrag bis zur genannten Deadline umsetzen könnten und gerne auch einen Probetext erstellen würden – zu den im Angebot angeführten Konditionen. Dieser Vorschlag traf allerdings auf wenig Gegenliebe:

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Ist klar! Ein bis zwei Textproben, die nicht veröffentlicht werden… Kann man machen, muss man aber auch nicht. Die Entscheidung war schnell gefallen, wenn sie nicht schon von Anfang an feststand: Unter diese Unart, gleich mehrere kostenlose Probetexte zu verlangen, muss ein Schlussstrich gezogen werden! Denn seien wir mal ehrlich: In keiner anderen Dienstleistungsbranche ist es üblich, die Dienstleister vorher zu testen. Wer einen Handwerker oder Friseur sucht, entscheidet sich anhand anderer Kriterien wie Wohnortnähe, Preis oder Empfehlungen. Auf die Idee, einen Probeschnitt zu verlangen, wird wohl niemand kommen. Oder haben Sie schon mal einen Friseur gefragt, ob er Ihnen probeweise ein Fünftel Ihrer Haare schneidet? Sicherlich nicht.

Warum kostenlose Probetexte nicht sein müssen

Das häufigste Argument, das Auftraggeber als Legitimation für kostenlose Probetexte ins Feld führen, ist, dass sie nicht die Katze im Sack kaufen wollen. Doch so einleuchtend das auch sein mag, es spricht nicht dafür, gleich eine ganze Batterie an kostenlosen Probetexten zu fordern, die eigens auf den Auftraggeber zugeschnitten sind. So geschehen bei einer anderen Anfrage vor einigen Wochen. Das in Aussicht gestellte Auftragsvolumen war mit 1000 bis 2000 Texten nicht nur ziemlich hoch, sondern auch reichlich vage. Und wir sollten doch bitte fünf kostenlose Probetexte erstellen. Das ließ uns sofort aufhorchen. Wenn man das bei mehreren Agenturen versucht und auch erreicht, hat man schnell ein ordentliches Textvolumen zusammen. Ohne auch nur einen Cent bezahlt zu haben. Allerdings haben wir uns bereit erklärt, zumindest einen kurzen Probetext zu erstellen. Das Ergebnis: Die gute Dame wurde im Laufe der weiteren Korrespondenz ziemlich ausfallend, wollte die anderen vier Probetexte auch noch haben und bestand auf einer Korrekturschleife. Bei einem kostenlosen Probetext…

Dabei gibt es durchaus andere Möglichkeiten, sich einen Eindruck vom Schreibstil und der Qualität der Arbeiten zu verschaffen. Ein guter Anfang wäre beispielsweise, einen Blick auf die Webseiten potenzieller Agenturen oder Texter zu werfen. Hier finden sich im besten Fall auch Arbeitsproben oder Links zu Referenztexten, die in der Vergangenheit für andere Kunden verfasst wurden. Und jeder professionelle Texter wird auf Anfrage Arbeitsproben bereitstellen. Die Forderung nach mehreren kostenlosen Probetexten hat also einfach keine Berechtigung – und zwar auch dann nicht, wenn das vermeintliche Auftragsvolumen immens hoch ist.

Aber wir wollen mal nicht so sein: Allein für den frommen Wunsch, einen neuen Auftrag mit einem gigantischen Auftragsvolumen vergeben zu wollen, sofern denn die zehn unentgeltlich erstellten Textproben zusagen, verdienen die Kandidaten jeweils drei Ökopunkte*. Und wer das Ganze mit einem freundlichen Luftballon verziert, kommt sogar in den Genuss einer Ökopunkte-Flatrate.

*Anmerkung der Redaktion: Das Ökopunkt-System ist ein internes Bewertungsmodell für besonders fromme Wünsche zur Weltverbesserung, insbesondere der Textagenturwelt.

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  • Petra sagt:

    Hallo Ihr Lieben,
    heute habe ich einen Blogbeitrag über kostenlose Probetexte auf meiner HP http://www.content-werkstatt.com veröffentlicht. Im Anschluss daran wollte ich mal recherchieren, ob ich die einzige Blondine bin, die immer wieder solche „tollen Angebote“ bekommt.
    Dabei bin ich auf Eure Seite gestoßen und musste herzlich lachen … Okay, es liegt also nicht an mir, sondern ist wirklich eine neue „Geschäftsidee“ von Möchte-Gern-Bauernfängern. Leider haben es die Jungs (und Mädels?) wohl doch noch nicht so richtig drauf 😉
    Schöne Feiertage und gute Geschäfte!
    LG, content-werkstatt

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